Antibiotika - Segen oder Fluch?
Antibiotika, wörtlich übersetzt "gegen das Leben", sind Medikamente zur Behandlung von bakteriellen Infektionskrankheiten. Es handelt sich dabei ursprünglich um natürliche Stoffwechselprodukte von Bakterien und Pilzen, heute werden allerdings auch teilsynthetische, vollsynthetisch oder gentechnisch gewonnene Substanzen mit antimikrobieller Wirkung als Antibiotika bezeichnet.
Alle Medikamente dieser Art haben jedenfalls die Aufgabe, schon in geringer Konzentration das Wachstum von Mikroorganismen zu hemmen oder abzutöten.
Bei Antibiotika scheiden sich die Geister
Die einen halten Antibiotika für einen Segen, andere sind der Meinung, dass diese viel zu häufig verordnet werden und selbst Krankheiten produzieren. Fakt ist: Das einstige Wunderheilmittel wurde in den letzten 60 Jahren zu einem der am meisten missbrauchten Medikamenten.
Ein echtes Problem bei den Antibiotika ist die zu häufige Anwendung in zu vielen Fällen - auch wenn man meinen sollte "viel hilft auch viel", und aus diesem Grund gegen alles und jedes ein Antibiotikum verordnet wird, muss man dabei bedenken, dass das Medikament einfach nicht gegen jede Krankheit wirkt, beispielsweise bei Infektionen, die durch Viren hervorgerufen wurden.
Bereits in den 80er Jahren haben Wissenschaftler in Amerika herausgefunden, dass in der Hälfte aller Krankheitsfälle die Einnahme eines Antibiotikums gar nicht notwendig gewesen wäre, das falsche Mittel verschrieben oder die Dosierung des Medikaments vom Arzt falsch angeordnet wurde.
Ärzte verordnen Antibiotika oft nur noch aus Routine und zur Beruhigung der Patienten
Bei den häufigsten Infektionen, mit welchen wir hierzulande konfrontiert sind, handelt es sich um Erkrankungen der Atemwege.
Bei Kindern beispielsweise wird bei einer Mittelohrentzündung von den Kinderärzten meistens ohne Zögern oder weitere Untersuchungen zur detailgenaueren Abklärung ein Antibiotikum verschrieben, einfach aus Routine - obwohl diese eher harmlose Erkrankung häufig von ganz alleine heilen würde. Und es ist auch gar nicht erwiesen, dass Bakterien die Verursacher einer Mittelohrentzündung sind. Studien belegen, dass in dreiviertel aller Fälle eine Therapie mit Antibiotika die Verursacher dieser Infektion zwar vernichten, aber die Flüssigkeit, die sich im Mittelohr ansammelt, dabei nicht beseitigt wird - und das weist darauf hin, dass die Übeltäter hier nicht bakterieller Natur sind. Davon abgesehen ist trotz der Menge an verordneten Antibiotika die Häufigkeit des Auftretens von Mittelohrentzündungen bei Kindern gestiegen, hauptsächlich bei Kleinkindern.
Aber nicht nur die Ärzte sind verantwortlich für diese Entwicklung in Richtung "Routineverschreibung", im Zuge derer bei jeder Entzündung im ersten Schritt gleich einmal ein Antibiotikum aufs Rezept gesetzt wird, sozusagen "sicherheitshalber". Jahrzehnte dieser "Sicherheitshalber-Medizin" mit tadelndem Unterton so nach dem Motto "Sie wollen doch sicher nur das Beste für Ihr Kind?", der jede kritische Hinterfragung sofort im Keim erstickt,
haben auch die Eltern "erzogen". Und so sind es heute auch die Mütter und Väter, die beim Arzt gleich von vornherein ein Antibiotikum verlangen - das ist schließlich das Beste fürs Kind. Und die Ärzte sträuben sich auch gar nicht lange gegen diese Aufforderung, denn es ist ja wirklich das Beste. Und sollte das Medikament tatsächlich nicht wirken, kann man ja immer noch weitere Untersuchungen anstellen.
Gefährliche Nebenwirkungen von Antibiotika erfordern eine verantwortungsbewusstere Verordnung und einen gezielteren Einsatz
Viele Ärzte wie auch Patienten machen sich viel zu selten bis gar keine Gedanken um die Folgen einer oftmaligen Antibiotika-Therapie, die langfristig auftreten können. Allgemein ist man der Annahme, dass die Nebenwirkungen des Medikaments sich auf harmlose Magenprobleme und rasch vorübergehende Unstimmigkeiten im Darm beschränken, oder nur die Menschen mit einer Penicillin-Allergie betreffen. Aber laut entsprechender Studien kann eine häufige Einnahme von Antibiotika unter anderem eine Gelbfärbung der Zähne, vor allem bei Kindern, bewirken, außerdem eine Leberfunktionsstörungen wie auch eine Knochenmarkdepression.
Erschreckend ist allerdings auch, wie Antibiotika andere Erkrankungen verstärken oder hervorrufen können. Beispielsweise hat man einen Zusammenhang zwischen häufiger Verabreichung von Antibiotika und dem ADHS-Syndrom bei Kindern beobachtet. Außerdem könnten bereits mehr als zwei Antibiotika-Therapien im Jahr bewirken, dass die behandelte Krankheit chronisch wird und man sein Leiden so gut wie nicht mehr los wird.
Somit sind Ärzte wie auch Patienten aufgefordert, sich bewusster mit diesem Heilmittel auseinanderzusetzen, eine Verordnung besser zu überdenken und kritischer zu hinterfragen.